Kunst und Kräuter

Von wilden Kräutern, Weidendom und Wandlungen in Ehmkendorf


Nora Fischer eröffnet einzigartiges Wildkräuterhotel

Sie hat nicht nur vom Paradies geträumt. Sie hat sich eines erschaffen, mit eigenen Händen und mit ganzer Seele. Sie hatte Visionen, sie hat einen verwunschenen Ort erkannt. Und ihn angenommen. Ihre Visionen haben ihr geholfen zu widerstehen, nicht fassbare Situationen auszuhalten. Ein verwunschener Ort war Ehmkendorf, als sie ihn kennen lernte. Doch alte Bäume waren da, ein riesiger verwilderter Park, grandiose Natur, Stille, Weite. Mitten im lieblichen Recknitztal, einer reizvollen hügeligen Flusslandschaft, Landschaftsschutzgebiet. Zum Gut führt ein Weg, der nicht weiter geht. Ein Ort am Ende der Welt. Vollkommene Abgeschiedenheit. Inspirierend für Anfänge. Und dieses Riesenhaus. Neogotisch, ein Rittergut aus dem 19. Jahrhundert. Dreigiebelig, damals – vor über 15 Jahren – grau verputzt, typische DDR-Nutzungsgeschichte, marode. Schwamm, bröckelnder Putz allerorten, feuchte Kälte im Winter, Schuttberge im Keller, Riesenräume, hoch, schwer heizbar. Eine gewaltige Herausforderung. Nora Fischer zelebrierte dort die Romantik der Übergänge. Schuf poetische Raumstimmungen in all den Jahren der Provisorien, des allmählichen Gestaltens ihrer Visionen, zeigte den Zauber der Improvisation. Ein Förderverein entstand, Konzerte, Lesungen, internationale Jugend- Workcamps belebten das alte Haus, ließen kreative Ideen im Park Gestalt annehmen. Ein leicht-luftiger Weidendom als erhabener grüner Konzertort verströmt Innerlichkeit. Im Lehmbackofen wird herzhaftes Brot und Kuchen mit Obst aus dem Gutsgarten gebacken. Eine von jungen Künstlern geformte Mosaikbank im Grünen lädt zum Verweilen. Allerorten verwandeln Plätze der Stille den Tag in Poesie. Kräuterwanderungen im Recknitztal brachten Begegnungen und Austausch. Die Dimensionen von Haus und Park lehrten Nora Fischer Gelassenheit. Der Weg war lang und steinig und schön. Der Ort im Wandel wurde zu einem Kraftort. Er forderte alle ihre Kraftreserven und er gab Kraft. Sie kam aus Berlin, dem brodelnden Großstadtleben und konnte die Stille schätzen. Sie hatte ein reiches Leben schon gelebt, als sie hierher kam. 1950 geboren, arbeitete sie als Kunstlehrerin, Mode- und Textilbildgestalterin, wohl immer schon ein Energiebündel. Im ländlichen Ehmkendorf fand sie vor über 15 Jahren ihre Lebensaufgabe. Sie bewahrte das denkmalgeschützte Gut vor dem Verfall und ließ hier einen Begegnungsort für Kunst- und Naturliebhaber entstehen. Hier schuf sie inspiriert von Wald, Wiese, Wind und Licht künstlerische Arbeiten wie „Laubart“, bizarre märchenhafte Gespinste aus Laub, Textilien und Papier. Und lernte wieder mit den Jahreszeiten zu leben. Der ganz natürliche Lebensrhytmus, dem von allen Lebewesen merkwürdigerweise nur der Mensch versucht zu entfliehen. Als sensible Künstlerin spürt sie ganz tief, wie wohl es tut, im Einklang mit der Natur zu leben. In Ehmkendorf wurden die wilden Kräuter zu ihren Freunden. Sie umgeben sie auf allen ihren Wegen, laden mit ihren wundersamen Düften, Farben, Eigenarten zum Kennenlernen, zum Kosten, Riechen, Lernen. Sie ist offen für diese Wunderwelt der Natur, sie duldet die wilden neben den gezähmten Kräutern in ihrem Garten, beide gehen wundersame poetische Symbiosen mit alten Mauerresten der Gutsanlage, mit den von jungen Leuten gestalteten Kunstobjekten im Park und miteinander ein. Das jahrtausende alte Wissen der Menschen um die so erstaunlich vielfältigen Wirkungen der uns umgebenden Kräuter gibt sie in Kursen und bei ihren Wanderungen durch das idyllische Recknitz – und Maibachtal unermüdlich weiter und gibt so manchem damit neue Offenheit für die eigentlichen Schätze unseres Daseins. Sie sieht sich in einer langen Traditionskette der weisen Frauen, die noch im unscheinbarsten Pflänzchen den Kosmos des Lebens fanden.
Mit ihren Zöpfen gleicht sie dem Traum-Mädchen aus der Kinderzeit, das barfuss über die Sommerwiese läuft und selbstvergessen Blumen pflückt.
Vor drei Jahren wagte sie den entscheidenden Schritt, ließ das riesige alte Gemäuer völlig entkernen und als Wildkräuterhotel umbauen. Die poetischen Räume tragen ihre gestaltende Handschrift, kräftiges Rot und Grün in den Salons im Erdgeschoß, leuchtend blaue Flure und altes Gebälk im Obergeschoß, große Fenster mit weitem Blick auf Park und Wiesen. Ein Mauervorsprung in einer der einladenden Ferienwohnungen ist fein bemalt mit einer zarten Ranke von ihrer Hand Wohlfühlräume mit klingenden Namen – Klatschmohn, Kornblume, Nachtkerze oder Jasmin verführen zum Träumen und zum Loslassen …Das neue Kneipen-Cafe heißt „Zum guten Heinrich“. Jahreszeitenküche lädt in Ehmkendorf ein zu Blüten, Blättern, Wurzeln, frisch gesammelten Pilzen – auch im Winter, veredelt zu Brennessel- Omelett, Borretschsüppchen, Wildkräuter- Lasagne, Baumtee und anderen Köstlichkeiten der Natur. Gourmets können sich im „Blauen Salon“ mit wilden und zahmen Kräutern, fein kombiniert mit fangfrischem Fisch und Wild aus dem Recknitztal verwöhnen lassen.
Als wir uns treffen, ist sie gerade in Arbeitshose und Schutzhandschuhen mit dem Fliesenleger beim Kleben eines komplizierten Rombenmusters in einem der Bäder beschäftigt. Für den Fototermin huscht sie schnell ins Haus, kommt nach wenigen Minuten frisch verwandelt strahlend und sehr weiblich im schönsten Sommerrock zurück, auf dem Fahrradgepäckträger noch die Arbeitsschuhe und das Handy. Sie hat wenig Zeit für Kunst jetzt, sagt sie, der Bau geht vor. Nur gelegentlich entspannt sie sich bei kleineren Mosaikarbeiten. Und im Park leuchtet der wilde Mohn, der Lavendel duftet, der Kuckuck ruft, eine zarte Wicke windet sich um den blauen Rittersporn, am Salatbeet lädt ein alter Korbstuhl ein. Und paradiesische Ruhe über allem.
Nora Fischer, die wandlungsfähige Künstlerin, wissende Kräuterhexe, zarte Mädchenfrau und zupackende Hotelchefin zugleich lebt ihre Vision. Ihr einzigartiges Haus im Grünen mit Ferienwohnungen, Hotelzimmern, Hausmuseum….

Christiane Freuck